Philine Maurus
zur Ausstellung „XOCHIMILCO“ von Gabriela Pavón de Naumann
Eröffnung am 29.4.2007
Gleich beim ersten Blick auf die Bildwerke von Gabriela Pavon de Naumann werden Sie festgestellt haben, dass bei dieser Ausstellung einige Farben nicht zu finden sind: es gibt kein Blau, kein Grün, kein Türkis, kein Grau. Alle kalten Farben: Farben, die Wasser oder Eis assoziieren könnten, sind ausgespart. Warme Töne herrschen vor, die Farben der Erde, des Feuers, der Sonne. Das hat mit der Herkunft der Künstlerin zu tun: Gabriela Pavon de Naumann stammt aus Mexiko. Sie lebt schon lange hier, hält aber den Kontakt zu den Wurzeln ihrer Herkunft lebendig.
Diese meist großformatigen Bildwerke mögen rätselhaft erscheinen. Auf ihnen lassen sich Spuren verfolgen:
Verschiedene Materialien überlagern einander. Unterschiedliche Prozesse während der Herstellung ergeben ein im wahrsten Sinne viel-schichtiges Werk. Ausgangsbasis ist manchmal eine Leinwand, zur Zeit aber öfter eine dünne Metallplatte. Diese Platte bearbeitet Gabriela Pavon de Naumann in mehreren Arbeitsgängen. Oft stellt sie die halbfertigen Platten für eine gewisse Zeit mit dem Gesicht zur Wand, holt sie dann wieder hervor, um sie neu wahrzunehmen und bearbeitet die Fläche weiter. „Fläche“ ist meist nicht ganz korrekt, denn die Bildwerke von Gabriela Pavon de Naumann bleiben nicht immer in der Fläche. Durch plastisches Bearbeiten treten sie vor in den Raum und verführen damit nicht nur zum Anschauen sondern auch zum Anfassen. Spätestens beim Anfassen wird der Betrachter / Befühler durch das Werk irritiert: durch seine Härte, seine Rauheit, seine spröde Sinnlichkeit. Da denkt vielleicht so mancher, solche Bildwerke könnten von einem Mann gemacht worden sein.
Der Kontrast zwischen dem Erleben der Farben, die von Wärme und Wohlbehagen sprechen - und dem Wahrnehmen des Haptischen, das kratzt, das sticht und das sogar verletzen könnte – dieser Kontrast macht das Werk von Gabriela Pavon de Naumann so spannend.
Bei näherer Betrachtung (und Be-Fühlung) offenbaren die Bild-Tafeln ihre Vielschichtigkeit und Tiefe. Was auf den ersten Blick wie eine eindimensionale rötliche Fläche wirkt, entpuppt sich als eine höchst variantenreiche Komposition von verwandten Farbtönungen rund um das „Rot“. Da überlagern sich Orange, Rostrot, Ocker, Rosa, Braun und Pink. Sie werden dominiert von verschiedenartigsten Rot-Tönen. Gabriela Pavon de Naumann öffnet uns die Augen für die Vielfalt des vermeintlichen Einfachen und für die Feinheiten und Möglichkeiten der Wahrnehmung.
Hier kann ich jetzt einen Satz zum Titel der Ausstellung sagen: XOCHIMILCO heißen die sog. „Schwimmenden Gärten“ in der Nähe von Mexiko-City, die in einem ehemaligen Sumpfgebiet errichtet wurden: Heute eine üppige Prachtlandschaft voller exotischer Pflanzen mit glühend-bunten Blüten. Diese Farbenpracht spiegelt sich in den Bildern mit den intensiven Orange-, Rot- und Rosa-Tönen.
Nach dem Wahrnehmen der Farbvielfalt sollte man zum Wahrnehmen der Oberflächen-struktur der Metall-Bilder gelangen: Die Metallplatte kommt glatt und platt aus einer industriellen Produktion. Erst wenn Gabriela Pavon de Naumann sie bearbeitet, gewinnt dieses Industrieprodukt seine individuelle Note und Persönlichkeit. Das Blech wird von hinten behämmert, Sand wird eingerieben, da wird geschlagen, gebogen, gekratzt, gezerrt, plastische Buckel werden von der Rückseite zur Vorderseite getrieben, das Blech wird maltraitiert, manchmal durchlöchert und gestanzt – bis die industrielle Bildplatte endlich ein Individuum ist: voller Wunden, Narben – oft mit ausgefransten Kanten und fehlenden Ecken, versehen mit mehreren Schichten Farbe und Sand, Öl und Acryl. Bei solch wildem Gestalten geht Gabriela Pavon de Naumann ganz aus sich heraus: Sie arbeitet am Boden, bewegt sich schnell und wild, sie „kämpft“ mit dem Material – immer in der Gewissheit, in diesem Kampf die Siegerin zu bleiben und dem Material ihren künstlerischen Stempel aufzudrücken.
Wenn auch der künstlerische Herstellungsprozess etwas Spontanes und sehr Körperliches ist, so geht dieser Endphase doch eine Zeit der Besinnung und der Kontemplation voraus. Da sitzt die Künstlerin und sinniert über den Bildwerken in deren verschiedenen Entstehungsphasen – bis sie plötzlich weiß, wo und wie sie aktiv werden muss. Ihre Bilder haben daher Beides: Die Ruhe der Kontemplation und die Wildheit der Aktion.
Es gibt auch Werke, auf denen über der vielgestaltigen Grundfläche bildhafte Zeichen aufgebracht werden. Hier orientiert sich die Künstlerin an der Kultur ihrer Heimat. Sie ist sich ihrer Wurzeln in der Azteken- und Maja-Kultur immer bewusst, und sie spürt diesen fernen Wurzeln von ihrem Lebensmittelpunkt hier aus intellektuell nach. Sie greift auf die Formensprache und Symbolik einer räumlich und zeitlich fernen – also einer (uns) fremden Kultur zurück. Zu manchen dieser Zeichen kann sie uns eine Erklärung liefern. Aber viele Gebilde, die sie mit kraftvollen Armschwüngen auf den Malgrund aufträgt, sind Ur-Zeichen, Chiffren und Typen von archaischer, rätselhafter Aussage-Kraft.
Wo immer Menschen auf der Welt mit einem Stock im Sand „malen“, entstehen solche Ur-Zeichen. Die alten Griechen vervielfältigten sie zu Ornamenten und schufen aus der Wiederholung der gleichen Ornamente die plastischen Schmuckbänder für ihre Tempel. Grundelemente solcher Ur-Zeichen finden sich in alt-ägyptischen Hieroglyphen – und wegen ihrer internationalen, vom Wort unabhängigen Verständlichkeit auch in modernen Piktogrammen. Im fernen Osten wurden solche Zeichen zu bildhaften Wort-Bestandteilen der Schriften. Kinder kommen beim Kritzeln auf solche Chiffren, und wenn uns hier manches an mathematische Zeichen, an Kürzel oder Logos der modernen Kommunikation erinnert, so beweist das sowohl die archaische Urtümlichkeit wie die moderne Raffinesse dieser Symbole und Zeichen.
Eines werden Sie beim Betrachten dieser Bilder sicher empfinden: Hier äußert sich ein höchst temperamentvoller, kraftvoller und liebevoller Mensch, der Ideen und Talente hat – und dazu noch Kraft und Zeit, solche schönen Dinge herzustellen, mit denen andere ihr eigenes Leben verschönern können. Ganz wichtig dafür ist die Möglichkeit (die sie glücklicherweise hat!), sich in einen Arbeitsraum (ihr Atelier) zurückziehen zu können, um auch einmal allein sein zu können, Dinge ausprobieren zu können, vielleicht „Irrwege“ zu beschreiten - und sie wieder verlassen zu können und sich an den eigenen künstlerischen Produkten erfreuen zu können.
Ich wünsche den Bildwerken von Gabriela Pavon de Naumann, dass sie in dieser Ausstellung von möglichst vielen Menschen gesehen und gewürdigt werden.
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